Fantastic Worlds On The Curved Screen – Die Filmreihe

Im „Filmrauschpalast“ der Kulturfabrik Moabit, Lehrter Str. 35, 10557 Berlin. Bus 123 und M27. Nähe Hauptbahnhof.
Eintritt: 6 EUR (erm. 5 EUR). Doppelprogramm: nur 9 EUR!

Unser Genre-Manifest:

Mythen und Sagen, Galaxien und Abgründe, Mutanten und Hyperräume…

Seit November 2014 ist das Kinomuseum Berlin Gast im Filmrauschpalast Moabit und zeigt dort Übergänge zwischen Dystopie, Farce und Utopie – ein Kino der letzten Tage, aber auch Bizarres.

Um in diese Welten einzutauchen, wurden die audiovisuellen Möglichkeiten im Filmrauschpalast verbessert, damit der Zuschauer sinnlicher in das Geschehen eintauchen kann: Präsentiert werden die Film-Epen auf einer kräftig geschwungenen Panoramabildwand im klassischen Filmrollenformat 35mm mit Surround-Sound.

Zu den jeweiligen Filmen werden Einführungen in die Werkgeschichte gegeben, teils auch kleine Filmplakat- und Fotoausstellungen präsentiert.

Aktuelles Programm vom Oktober 2015 – Im 2. Jahr – Kuratiert von Kinomuseum Berlin e.V. – Vor jeder Vorstellung eine fachkundliche Einführung!

Fr 02.10.15 22:00 Uhr
Fr 09.10.15 22:00 Uhr
Fr 16.10.15 22:00 Uhr
Fr 23.10.15 22:00 Uhr
Fr 30.10.15 22:00 Uhr
Fr 13.11.15 22:00 Uhr
Fr 25.12.15 22:00 Uhr

RAIDERS OF THE LOST ARK
DT: „Jäger des verlorenen Schatzes“
(USA 1981, 111 Min., OV, 35mm, CinemaScope)
R: Steven Spielberg
B: George Lucas, Philip Kaufman, Lawrence Kasdan
D: Harrison Ford, Karen Allen, Paul Freeman, Ronald Lacey, Alfred Molina
u.a.

Die Rückkehr des B-Movies und Cliffhangers – verpackt als Familien-Blockbuster mit Horror-Beisätzen.
Steven Spielbergs Inszenierung („Der weisse Hai“, „Unheimliche Begegnung der dritten Art“) nimmt sich Derbheiten zwischen kalkulierten Gags und improvisierter Ironie heraus, George Lucas als Produzent („THX 1138“, „American Graffity“) vermengt Sagen und Mythen, sodass sich von Anbeginn eine Kino-Saga ankündigt, wie sie Lucas bereits mit „Krieg der Sterne“ und „Das Imperium schlägt zurück“ begründet hatte.
Die Übertragung des Comics in die Bildsprache gelingt der Kamera von Douglas Slocombe vor allem durch fulminante Perspektiven, in Tiefenschärfe und in Raumstaffelungen, wobei mit Nazi-Agentenspuk und auftauenden Reliquien das neue Hollywood alle Register zwischen Dämonisierung und Religion zieht. Die neoromantische Filmmusik von John Williams in der Tradition des Monumentalfilms und Westerns gibt der von Harrison Ford verkörperten Figur des Indiana Jones ihr Leitmotiv.
Am auffallendsten aber greifen Action und Draufgänger-Chuzpe Riten def James-Bond-Serie auf, stellen aber deren Production Values und runnings gags in den Schatten.
5 Oscars für die 20-Millionen-Dollar-Produktion, die weltweit 400 Miliionen Dollar einspielte.

Fr 02.10.15 23.55 Uhr
Fr 09.10.15 23.55 Uhr
Fr 16.10.15 23.55 Uhr
Fr 23.10.15 23.55 Uhr
Fr 30.10.15 23.55 Uhr
Fr 13.11.15 23:55 Uhr
Fr 25.12.15 23:55 Uhr

INDIANA JONES AND THE TEMPLE OF DOOM
DT: „Indiana Jones und der Tempel des Todes“
(USA 1984, 114 Min., OV, 35mm, CinemaScope)
R: Steven Spielberg
B: George Lucas, Willard Huyck, Gloria Katz
D: Harrison Ford, Kate Capshaw, Amrish Puri, Roshan Seth u.a

Filmgeschichte machte eine der ausgedehntesten Establishing-Shots des Kinos überhaupt: Nonstop-Action über zehn Minuten werden dank der Einfälle und Schauplätze zum atemlosen Feuerwerk. Das underscoring von John Williams Soundtrack schafft dabei eine emotionale Syntax zwischen unzähligen Action-Plots, die zu einem Ballett von Bewegung verschmelzen. Rummelplatz- und Geisterbahn-Effekte bestimmen dagegen die Verfolgungsjagden durch den Bergstollen: ein Meisterwerk der Stunt-Technik und Modellanimation.

Bildrechte: Paramount Pictures Germany

Fr 06.11.15 22:00 Uhr
Fr 20.11.15 22:00 Uhr
Fr 27.11.15 22:00 Uhr
Sa 26.12.15 22:00 Uhr

SOLYENT GREEN
DT: „… Jahr 2022 … die überleben wollen“
(USA 1974, 97 Min., OV, CinemaScope)
R: Richard Fleischer
B: Stanley R. Greenberg
D: Charlton Hesten, Edward G. Robinson, Leigh Taylor-Young, Joseph Cotton u.a

Einige Endzeitfilme der siebziger Jahre verlagern die aus den Fünfzigern nachbebende Paranoia (Ufo-Invasionen oder biblischen Plagen) diesmal in von Menschenhand gemachte Höllen. Auswüchse einer ins Katastrophische umkippenden Profitgesellschaft brechen im Jüngsten Gericht hervor: nicht der Leib Christi, sondern die Apotheose von Menschenfleisch ist das Motto, das Sakrileg in dieser amerikanischen Dystopie. New York 2022 zeigt sich als Schmelztiegel der Armut, der Polizeidiktatur und der Ernährungskatastrophe: der Immobilienmarkt versteigert nicht mehr nur knappen Raum, sondern ehemalige, „Inventar“ genannte Mitbewohner und Haussklaven, die, wenn sie nicht mitziehen, Erlösung in einer Euthanasie-Klinik vorfinden.
Der Science-Fiction erprobte Regisseur Richard Fleischer („20000 Meilen unter dem Meer“, 1956; „Die Fantastische Reise“, 1967) wagt in der Ära der Flower-Power-Bewegung und atomaren Desekalation eine der pessimistischsten Hypothesen, die je in einem Hollywood-Film auftauchten, dabei an Momente der Barbarei oder Mechanismen der Genozide deutscher Konzentrationslager anknüpfend. Die Aufrechterhaltung der Staatsmacht fußt nur noch auf der Rumpf-Verwaltung einer zerstörten Natur und Umwelt, auf Lüge und auf der Selbstzerfleischung einstiger Werte und Überlebens-Strukturen.
Für die Alt-Stars Heston, Robinson und Cotton eine Gelegenheit zur Abkehr vom Rollen-Klischee ihrer früheren Genres: das Kino der letzten Tage widerlegt den Mythos waffengespickter Weltenretter, die erst wieder im aufkommenden Blockbusterfilm ein Remake für den seriellen Amüsierbetrieb wiederrichten.

Bildrechte: Neue Visionen Filmverleih

Fr 06.11.15 23:55 Uhr
Fr 20.11.15 23:55 Uhr
Fr 27.11.15 23:55 Uhr
Sa 26.12.15 23.55 Uhr

WESTWORLD
DT: „Westworld“
(USA 1973, 89 Min., OV, CinemaScope)
R: Michael Chrichton
B: Michael Chrichton
D: Yul Brunner, Richard Benjamin, Linda Scott, James Brolin u.a

Noch vor „Jurassic Park“ war „Westworld“ – und gilt als Urmutter filmischer Horrorszenarien über eine vom Marketing verstopften Konsumgesellschaft. Beide Filme haben Michael Chrichton zum geistigen Schöpfer: in beiden eskalieren von Menschen erschaffene Wesen, die nur äusserlich Repliken früherer Erdbewohner abgeben, aber ein psychotisches Eigenleben führen. Kein finsterer, personalisierter Grossrechner wie Colossus („The Frobin Project“) oder HAL-9000 („2001: A Space Oyssey“) ist Urheber menschlicher Collateralschäden in „Westworld“, sondern – innovativ für die Entstehungszeit des Films – anonyme, sich fortpflanzende Computer-Viren. Die Verstiegenheit käuflicher Eskapaden, etwa in einer Art Disney-Land für Erwachsene verborgenste Wünsche abseits jeglichen Gesetzes auszuleben, spiegelt zugleich Anflüge der Desillusionierung in der amerikanischen Industriegesellschaft, die in der Spät-Phase des Vietnam-Kriegs jedweder Ethik längst verlustig geworden war. Der „native“ Grusel beschleicht den Betrachter spätestens in der Nichtunterscheidbarkeit von Original und Replikant – ein Vexierspiel der Pop-Kultur und des Kinos. Ikonisch steht auch Yul Brunners Verkörperung des schwarzen Scheriffs, der zur Tötungsmaschine mutiert, Pate für Plots der „Terminator“-Sequels ab den 1980er Jahren.

Bildrechte: Neue Visionen Filmverleih

Fr 04.12.15 21:45 Uhr
Fr 11.12.15 21:45 Uhr
Fr 18.12.15 21:45 Uhr

THE MATRIX
DT: „Matrix“
(USA 1999, 131 Min., 35mm, OV, CinemaScope)
R: Wachowski-Geschwister
B: Wachowski-Geschwister
D: Keanu Reeves, Laurence Fishburne, Carrie-Anne Moss u.a.

Gezüchtete Menschen in Flüssigkeitskammern sind Kinder einer „Matrix“: lateinisch Gebärmutter, mathematisch als Skalierung von Zahlen in Tabulaturen verstehbar. Das Buch der Wachowski-Geschwister („Bound“) plündert die halbe antike Mythologie und schafft somit ein faszinierendes Spannungsfeld aus Action-Plots und philosophischen Anspielungen, die trotz ihrer Beliebigkeit komplexe Denkräume zu öffnen imstande sind. In der Postmoderne bleibt solcher Chique der Thesen zum Kulturpessimismus zwar beliebig und tendiert auch schlicht zu Schwarzweiss-Charakteren der Comic-Kultur (der Film schwankt nicht umsonst zwischen grüner Monochronie und Schwarztönen: die duale Welt der Bits und Bytes, Erlöser „Neo“ gegen Dubletten des Teufels), mit diesem Genre-Vorreiter aber öffnet die Filmtechnologie des digitalen Morphing zum ersten Male den Blick in eine konsquent andere Form. Diese Ästhetik versucht in Abkehr vom Abbildrealismus die Verflechtungen des modern vernetzten Menschen mit einem Paralluniversum, dem des Internets, in einer Höllenvision weiterzuspinnen. Ein Effekt, der radikal unsere Lebenserfahrungen verfremdet, aber auch den Verlust von Freiheit thematisiert.

Bildrechte: Warner Bros. Filmverleih

Fr 04.12.15 23:59 Uhr
Fr 11.12.15 23:59 Uhr
Fr 18.12.15 23:59 Uhr

INNERSPACE
DT: „Die Reise ins Ich“
(USA 1987, 115 Min., 35mm, OV, WideScreen)
R: Joe Dante
B: Jeffrey Boam
D: Dennis Quaid, Martin Short, Meg Ryan u.a

Remake des Richtard-Fleischer-Films, der 1966 mit abenteuerlichem Pathos und realistischem Ernst eine Reise in den Mikrokosmos zum Vehikel einer Breitwandorgie instrumentalisierte. Anders das Remake: Joe Dante („Piranhas“, „Gremlins“) ist Komödiant und Horror-Experte, und das schafft 1987 unter der Produktion von Steven Spielberg eine turbulente Verquickung mit der Partystimmung der neueren Blockbuster. Parodistische Einlagen wechseln sich ab mit Running-Gags, die für Schulschwänzer unter dem damaligen Premierenpublikum bunte Einsichten in die menschliche Biologie nachholte.
Weniger Dennis Quaid, er verkörpert den Navy-Piloten, rückt in die Heldenposition, sondern ein neurotisch torkelnder Loser und Supermarkt-Kassierer, dargestellt von Martin Short, der mit der Injektion der Mini-U-Boote in seinem Körper zurechtkommen muss. Dennis Muren erhielt den Oscar für die Visual Effects der state-of-the-art-Modellanimationen, die noch heute beeindrucken.

Bildrechte: Warner Bros. Filmverleih

Archiv

am SA 2.5. um 15.30, SA 10.5. um 15.30, SA 30.5. um 15.30
BLADE RUNNER – DIRECTOR’S CUT (USA 1982/1993, R: Ridley Scott), 35 mm, engl. OV

am SO 3.5. um 13.30, SO 24.5. um 13.30
DIE ZEHN GEBOTE (USA 1956, R: Cecil B. DeMille, 35mm, deutsche Fassung)

am SA 2.5. um 23.59, SA 9.5. um 23.59, FR 15.5. um 23.59 Uhr, und 25.5.2015, MO 25.5. um 15.30
FLUCHT INS 23. JAHRHUNDERT (USA 1976, R: Michael Anderson), 35mm, deutsche Fassung

am SO 31.5.2015 um 15.30
DEMOLITION MAN (USA 1993, R: Marco Brambilla), 35 mm, engl. OV

SA 16.5. um 22.00, SA 23.5. um 15.30, SO 24.5. um 23.59
BATMAN (USA 1989, R: Tim Burton), 35 mm, engl. OV

am FR 8.5. um 23.59, SO 17.5. um 15.30, SA 23.5. um 23.59
BATMAN RETURNS (USA 1992, R: Tim Burton), 35 mm, engl. OV

am FR 1.5. um 23.59, DO 14.5. um 15.30, FR 19.5. um 23.39
ALIEN – DIRECTOR’S CUT (USA 1979/2003, R: Ridley Scott), 35 mm, DF

am FR 1.5. um 15.30, SA 16.5. um 23.59, SA 30.5. 23.59
MARS ATTACKS! (USA 1996, R: Tim Burton), 35 mm, engl. OV

Am Beispiel des DELPHI FILMPALAST AM ZOO

Der 1907 in Ostpreußen geborene Walter Jonigkeit, inzwischen seit 80 Jahren im Geschäft, übernimmt 1933 die krisengeschüttelte ‚Kamera‘ unter den Linden, eines der frühen Repertoire-Häuser mit Matinee-Programmen, Originalfassungen und Clubaktivitäten, später zunehmend Abspielstätte von NS-Propaganda, und 1937 kommt mit der ‚Kurbel‘ ein weiteres Lichtspielthaus in der Giesebrechtstraße hinzu. 1943 liegt die ‚Kamera‘ im Bombenschutt. Jonigkeits Wiedergutmachungsantrag nach Kriegsende wird von den Behörden abschlägig beschieden: „Sie haben doch die ‚Kurbel‘!“ Schon 1947 aber macht der Kinobetreiber sich „auf die Socken“ und an den Ausbau der Ruine von Bernd Sehrings ausgebombten Berliner Tanztheater ‚Delphi-Palais‘, erbaut 1927 von Ernst Lessing und Max Breme. Schmucklos wird die Fassade instand gesetzt und ein Kino eingebaut, alter Schnörkel und Putten werden im Garten vergraben (und 1998, zusammen mit Wehrmachtsleichen, wieder ausgegraben), ja selbst der in der Fasanenstraße residierende Bürgermeister Reuter betätigt sich nun als „Trümmerfrau“, besorgt ihm Stein und Mörtel für den neoantiken Wiederaufbau. 1949 eröffnet nun Winston Churchills Lieblingsfilm, „Lord Nelsons letzte Liebe“ („That Hamilton Woman“ – GB 1941, schwarz-weiß-<Normalformat>), das 1169-Plätze Haus am Zoo.

Schon frühe 1950er-Jahre-Premieren, z.B.Gallones „Messalina“ (F/I 1951, <Normalformat>) sowie Le Roys Antik-Spektakel „Quo Vadis?“ (USA 1951, Color by Technicolor, <Normalformat>) stellen die Weichen zum Kulttempel des „Sandalenkinos”, als der das ‚Delphi‘ im Volkmund fortan gilt. Aber erst 2 Jahre nach der ‚Filmbühne Wien‘, die 1953 Henry Kosters Cinema-Scope-„Bibelschinken“ „Das Gewand“ („The Robe“ – USA 1953, CinemaScope) erstaufführt, gestaltet der primär technikbegeisterte Jonigkeit endlich den Bühnenraum um, errichtet einen Bildwandrahmen für das bereits etablierte Breitwandformat und baut die dafür obligatorische 4-Kanal Magnetton-Anlage ein. 1958 reüssiert Leans Cinema-Scope-Drama „Die Brücke am Kwai“ (The Bridge On the River Kwai – GB 1957, <CinemaScope>) in Gala-Premiere mit einer britischen Militärkapelle, Laufzeit: 41 Wochen.

Das Folgejahr erlebt erneut Umbauten im Bühnen- und Vorführraum, Jonigkeit bietet als erstes Lichtspieltheater Berlins (und später auch in München und Hamburg) Vorführungen in spektakulären 70-mm-Todd-A-O-Formaten an.

Die Schlagzeilen tönen: „Zehn Jahre Delphi-Filmpalast am Zoo: Todd-AO – das erste plastische Kinowunder“[1]. Von der leicht konkav geschwungenen 16-Meter-Breitleinwand entfesselt der gestochen scharfe und 70 mm breite Film auch den abgebrühtesten Gast: bei 30 Bildern in der Sekunde und mit dem donnernden Gestus des kristallklaren Raumtons bleibt kein Auge mehr trocken. Die Nach Fred Zinnemanns „Oklahoma!“ (USA 1955, Todd-AO) beginnt geradezu eine Welle an glanzvollen Premieren geläufiger 70-mm-Klassiker, die bis 1983 anhält: Premingers „Porgy and Bess“ (USA 1959, Todd-AO) läuft 36 Wochen, Wylers „Ben-Hur“ (USA 1959, MGM Camera 65) feiert Premiere mit Studenten in römischen Sandalen und Gewändern („Star Wars“-Kids verblassen dagegen) und wird 50 Wochen gezeigt, George Cukors „My Fair Lady„ (USA 1964, Super Panavision 70) führt standesgesgemäß am 23.12.1964 zur europäischen Gala-Premiere eine Modenschau vor und „funkelt“ 52 Wochen vor einem raunenden Publikum (auf Publikumswunsch wird später auch eine „Original Broadway-Fassung“ gezeigt, deren Format der Verf. aber nicht in Erfahrung bringen konnte), ähnlich schillernd geben sich 30 Wochen lang Liz Taylor in „Cleopatra“ (USA 1963, Todd-AO) und 20 Wochen dürstet Peter O‘ Toole in „Lawrence von Arabien“ (GB 1962, Super Panavision 70) und „Lord Jim“ (GB 1964, Super Panavision 70). Neben den Todd-A-O-Filmen präsentiert Jonigkeit im Berliner ‚Sportpalast‘ mit „Windjammer“ (N 1957, CineMiracle) und 22 Wochen lang mit „Das war der wilde Westen“ (USA 1961, Super Cinerama) auch 3-streifige Cinerama-Projektionen, denn am Ku’damm trumpfen nun auch andere Kinos mit noch größeren Auditorien, Großbildwänden und mit Breitfilm-Technik auf: seit 1956 das ‚MGM-Theater‘ an der Bleibtreustraße mit „Meuterei auf der Bounty“ (USA 1961, Ultra Panavision 70) und „König der Könige“ (USA 1960, Super Technirama 70) sowie der ‚Zoo Palast‘ mit „Die Zehn Gebote“ (USA 1956, VistaVision), „Untergang des Römischen Reiches“ (USA 1964, Ultra Panavision 70) und „Can Can“ (USA 1959, Todd-AO), und ab 1957 das ‚Cinerama Theater Capitol‘ am Lehniner Platz mit „El Cid“ (USA 1961, Super Technirama 70), „In 80 Tagen um die Welt“ (USA 1956, Todd-AO) und „Die Wunderwelt der Gebrüder Grimm“ (USA 1963, Super Cinerama). Ab 1962 zeigt der ‚Titania-Palast‘ in Steglitz „Spartacus“ (USA 1959, Super Technirama 70), „Exodus“ (USA 1960, Super Panavision 70) und „Alamo“ (USA 1960, Todd-AO). 1966/67 schließlich eröffnen ‚Royal Palast‘ und ‚City‘ im Europa-Center mit „Die größte Geschichte aller Zeiten“ (USA 1964, Ultra Panavision 70) auf der größten Bildwand Europas, und bevorzugt dorthin geben die Großverleiher fortan Ihre Blockbuster- und „Sandalenfilme“: „Doktor Schiwago“ (35-mm Blow-up von Panavision->Scope< auf 70 mm) läuft im Europa-Center 166 Wochen, gefolgt von „Die Bibel“ (It 1966, Dimension-150) „Die letzte Schlacht“ (USA 1966, Ultra Panavision 70) „Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“ (GB 1965, Todd-AO) und „2001 – Odyssee im Weltraum“ (GB 1965-68, Super Panavision 70 und Todd-AO) bis hin zu den Laufzeit- und formatreduzierten Blow-up-Filmen der „Krieg der Sterne“-, „Alien“-, „Blade Runner“- und „Stirb Langsam”-Produktion.

Schon Mitte der Sechziger ist das ‚Delphi‘ zweitklassig geworden. Jonigkeit greift, um zu überleben, alsbald auch nach vulgärer Kost wie „Schulmädchen-Report“ (BRD 1970, Europäische Breitwand), „Mondo Cannibale“ (It 1972, Techniscope) während in den Bezirken als Replik auf die Studentenbewegung „Kinoverrückte“ wie Franz Stadler (‚Bellevue‘, ‚Filmkunst 66‘), Gunther Rometsch (‚Notausgang‘), Gertrud und Udo Zyber (‚Cinema Bundesallee‘), Manfred Salzgeber (‚Bali‘) und Michael Weinert (‚Klick‘) die Programmoffensive der Off-Kinobewegung aus der Taufe holen, an der auch der spätere ‚Delphi‘-Mitgesellschafter Georg Heinrich Kloster partizipiert. Ab 1972 nutzt Jonigkeit seine einstmals perfekte Bauer-U-2-Projektionsausrüstung (merke den Slogan der Stuttgarter Werkschmiede Eugen-Bauer-GmbH: „Gut Licht – gut Ton: das ist Bauer-Präzision!“) nebst originalen 6-Kanal Magnetton-Klangfilm-Röhrenverstärkern zu lukrativen Wiederaufführungen „Großer Filme auf der großen Leinwand“, was erneut das bereits oben angeführte Gesamtrepertoire an Schaufilmen der Sechziger umfaßt. Oft spleißen[2] die wertvollen Kopien, es wird weder in Technik noch Bausubstanz viel investiert, oder der hauptberufliche Filmvorführer schneidet einfach nach eigenen Worten „die Schwänze“ ab, will heißen: Die opernhaften Ouvertüren, Pausen- und Schlußmusiken respektive Titelabspänne gelten inzwischen als zu langatmig bei Einplanung mehrerer Vorstellungen am Tag. Nichtsdestotrotz: Eben dieses wuchtige Klassiker-Repertoire verschafft dem ‚Delphi‘ im Rückblick beinahe die Aura eines modernen Weltwunders der Kinematographie, erst recht im Zeitalter der immer rasanter werdenden Reproduzierbarkeit der Konserve Filmproduktion und Distribution, insbesondere Kinopräsentation. Das ist ein Sonderstatus unter den Filmkunst- und Repertoirekinos, der heute irreversibel verloren ist.

Ab 1980 laufen die teils vierstündigen Monumentalfilm-Klassiker immer häufiger im Fernsehen, sicht- und hörbar als „Flohzirkus” des Monitor-Zeitalters. Dem ‚Delphi’ geht die Luft aus. Kinomogul Max Knapp verpricht die „Rettung“ der Spielstätte, sowie der Senat einem „Verschiebebahnhof“ im Nachspiel der ‚Zoo-‚ und ‚Gloria-Palast’-Programme zustimmte. Die „Off-Kino-Szene“ protestiert und schließt für einen Tag Ihre Häuser, sieht sie doch darin eine verdeckte Subvention im Krieg des Knapp-Konzerns gegen die Ku’damm-Center des UFA-Kinokinozerns von Heinz Riech, der schließlich vor dem Bundeskartellamt endet und 1992 die Veräußerung des Knapp-Imperiums zunächst an Cinemaxx-Gründer Hans-Joachim Flebbe und hernach an United Cinemas International (UCI) nach sich ziehen wird.

Der Senat als Grundstückseigentümer plant 1983 eine Umnutzung des ‚Delphi‘ als „Medienpalast“ für Jazz- und Rockkonzerte. Die Betreiberfamilie Jonigkeit sieht dann einen Ausweg durch die Nähe zu einer Off-Kinokette. Eine programmatische Liftung und zwei Minderheitsgesellschafter stehen ins Haus: Klaus Boje beschafft aus dem ‚Schiller-Theater‘ geräumigere Stühle, und Georg Heinrich Kloster, neben Knut Steenwerth Teilhaber und Chefdisponent der ‚Yorck-Kino‘-Kette (die Off-Kinobewegung geht fortan in Unsolidarität unter) „sichert dem Kino eine breitere Abspielbasis“[3], setzt aber zunächst auf neuere Repertoire-Ausgrabungen und kunstgewerbliche Kostümfilme: „Der Leopard“, „All about Eve“ sowie „Eins Zwei Drei“ und „Zimmer mit Aussicht“ erzielen zeitweilig Langzeiterfolge wie seit Jahren nicht mehr. Das stärkt sowohl Klosters Position gegenüber den Verleihern wie auch der Aufrechterhaltung seiner übrigen 11 Leinwände den Rücken – und die Senatspläne zur Umwandlung des ‚Delphis‘ sind damit erledigt.

Wie nach jeder Wende – hier ist es Klosters ‚Delphi‘-Coup von 1984 – schien man sich 1999 im Rahmen eines Jubiläums jeglicher Programmtradition zu schämen, was an Links-Sophisterei der Sechziger erinnert, inzwischen aber gepaart mit expansiver Kinoketten-Politik und einer zunehmenden Lustlosigkeit der zentralisierten „Programmdispo“ am Experiment.

In einer schattenseitigen kinopolitischen Reflexion wie dieser ließe sich paradigmatisch auch die virulente „Dogma 95“-Welle (und ab und an ein Scherz von “Buck”) als das „wahre Orakel” des ‚Delphi‘ reflektieren. „Dogma 95“ postuliert – als vielleicht radikalstes Pendant zum wie auch immer verstandenen „perfekten“ Ausstattungskino – einen revolutionären Geist aus der Ästhetik des „free cinema“ und der Fernsehreportage. Ein verwackeltes, schärfeverlagertes oder elektronisch erodiertes Bild als Grundlage einer nicht-narrativen Mise en scène hat durchaus seine kathartischen Wirkungen, steht aber in vielem einer ebenfalls porösen und folglich nivellierenden Video-Ästhetik des US-Action-Kinos näher als zugegeben, das seinesgleichen auf die Implosion der technischen und rezeptiven „Errungenschaften“ der bisherigen Abspielbasis (=Kinokultur) und des tradierten Filmmaterials (uneingestanden) hinwirkt, folglich die Filmwahrnehmung ins Reich der Bits, Bytes, Clips und Hypes hinüberführt. „Paßt” das aber zum ‚Delphi‘? Verlieren sich nicht die introvertierten Gedankenblitze und „V-Effekte“ der Dogma-Videos in der Architektur eines dekorativen Großraumkinos oder kontrastieren sie gar damit in multikultureller und inspirierender Weise? (Eine These hierzu: In der bloßen Verneinung liegt zugleich die Anerkennung des Herkömmlichen, wer nur negiert, entwickelt keine eigene Ästhetik.)

Nachgerade bewiesen die bildmächtigen Breitwandfilme der ‚Delphi‘-„Sandalen-Ära“ ihrerseits einen Kontrast: sowohl zum Autorenkino, als auch zum Popcornkino der Kids: Filme. „Sandalen“, welche zumindest angesichts des 50. Jubiläums des Hauses 1999 hätten gezeigt werden müssen. Muß in Bewertung sich offenbar gegenseitig ausschließender Performativitäten rundum eine radikale Dekonstruktion oder etwa eine Erneuerung des Schauerlebnisses konstatiert werden? Oder ist eine Entideologisierung unter dem Diktat der Marktfreiheit Movens dieser Entwicklung gewesen?

In concreto ist es seit 1984 den sprichwörtlichen Abneigungen des neuen Teilhabers Georg Kloster gegen „Ben-Hur und Sandalen“ zuzuschreiben, daß vom Filmboard Berlin-Brandenburg sowie vom Senat von Berlin zu den Festivitäten 1999 zwar eine jubilarisch paradoxe Berlin-Filmreihe („Millennium-Screening“) subventioniert wurde, die vielleicht dem Haupstadt-Schick des damaligen Bügermeisters Diepgen schmeichelte, aber die Zeit des ‚Delphi‘-Palastes von 1949-1984 kategorisch aussparte. Die Programmzeitschrift der Yorck-Kino-GmbH schmälert vielmehr aus der Sichtweise der Programmerneuerer das Image-Streben des Co-Betreibers Jonigkeit um eine Kontinuität des Repertoires nebst Erhalt seiner Kinostätte:

In diesen sehr problematischen Jahren besinnt sich Jonigkeit auf seine alten Erfolge und wiederholt die Klassiker. Natürlich passen die Sandalenfilme nicht mehr in die Zeit. Wer geht schon ins Kino, um Ben-Hur oder Cleopatra zu sehen? [Der Verf. bezeugt, daß stets ein Dutzend Teenager aus seiner damaligen Schulklasse diese regelmäßig besuchten: bei Laufzeiten von 4 bis 16 Wochen je Reprise.][4]

 

Die Berliner „B.Z.“ druckt daraufhin den Brief eines älteren Berliner ‚Delphi’-Stammkunden ab, ganz zufällig unter einem fast vieldeutigen Bild des aktuellen ‚Delphi‘, dem Plakat-Transparent des Dogma-95-Films „Idioten“:

In diesen Tagen feiert der „Delphi-Film-Palast am Zoo“ seinen 50. Geburtstag. Ich kenne das Haus seit 1951 und habe dort Hunderte Filme gesehen. Die große Zeit des „Delphi-Palastes“ waren die Jahre 1952 bis 1978. Die größten Filmklassiker im 70 mm-Format liefen dort mit Galapremieren in Erstaufführung wie z.B. „Lawrence von Arabien“, „My Fair Lady“ oder Cinemascope-Filme wie „Der König und ich“, „Porgy and Bess“ [letzter ist richtigerweise eine 70-mm-Todd-A-O-Produktion, Anm. d.Verf.] und „Die Brücke am Kwai“, um nur einige zu nennen. Diese Klassiker sorgten immer für ein volles Kino und hätten meiner Meinung nach unbedingt zu einem Filmfestival anlässlich des 50. Geburtstages des „Delphi-Palastes“ gehört. In einer Zeit, in der immer mehr traditionsreiche, technisch hervorragend ausgestattete Kinos den „Fließband-Lichtspielfabriken“ (Multiplexe) mit den vielen Schachtelkinos weichen müssen, wäre ein Festprogramm mit den großen Filmklassikern ein Muss gewesen.[5]

 

[1]Neue Berliner Woche und Fremdenzeitung: Todd-AO – das erste plastische Kinowunder. In: „neue Berliner Woche und Fremdenzeitung“. Ort Verlag 1959. Ausg. vom 6.-12. Nov. 1959. S. X.

[2]Z.E.: Im Englischen auch „splice“ genannt – das ist ein Filmriß, der sich über mehrere Bildfelder erstrecken kann.

[3] Vgl. „tip-Magazin“. Ausg. vom Juni 1984, S.X.

[4]Wilke, Thomas: Quo Vadis – Wo geht’s hier in die achtziger Jahre?. In ders.: Die Delphi-Geschichte. In: „Der Yorcker – das Filmagazin“. Berlin: Yorck-Kino GmbH. Ausg. 9/1999. S. 12.

[5]D., Hans-Joachim: Delphi-Kino: Ich vermisste die Klassiker. Leserbrief in: „B.Z.“. Ausg. vom 12.11.1999. S. xX.

Man schob dann als Alibi den Anekdoten erzählenden Jonigkeit noch einmal vor die Kameras: für‘s Zitieren sogenannter goldener Kinozeiten, mit denen man sich heute lieber nicht mehr abmühen möchte.

In diesem Sinne gab es leider weniger Anlaß zum Feiern als für einen resignierten Beschluß früherer Stammgäste, „50 Jahre Delphi-Filmpalast am Zoo“ ersatzweise im DVD-Heimkino nachfeiern zu müssen.

(c) Jean-Pierre Gutzeit (1999 – alle Rechte vorbehalten)

***

Eine Ausstellung zeitgenössischer Filmclips, aber auch Kinoannoncen so wie praktische Vorführungen mit entsprechenden Filmbandrollen aus der Premierenzeit des proträtierten Kinos können Sie zu den Öffnungszeiten im Kinomuseum Berlin besuchen. Unter kuratorischer Begleitung können Sie betreffende Filmrollen und zeitgenössische Projektoren in Ähnlichkeit zur damaligen Spielpraxis der porträtierten Kinos eigenhändig in Funktion setzen und miteinander vergleichen.